DER FILM


Lutz Schelhorn ist nicht nur ein renommierter Künstler und Fotograf, sondern auch Präsident des Stuttgarter Charters der Hells Angels. Er war schon immer ein Rebell und lehnte sich gegen die schwäbische Bürgerlichkeit auf. Als Rocker stehen für ihn das Motorradfahren, die Brüderlichkeit und die Suche nach persönlicher Freiheit im Mittelpunkt. 30 Jahre später hat sich das Bild der Angels in der Öffentlichkeit drastisch verändert: In den Medien werden die Angels fast ausschließlich mit Waffen, Drogen, Menschenhandel und Mord in Verbindung gebracht. Lutz Schelhorn versucht seinen Charter und den gesamten Club gegen dieses Bild zu verteidigen. Er beginnt, an einem Fotoband zu arbeiten, der einen einmaligen Blick in die sonst so verborgene Welt des legendären Motorradclubs ermöglicht. Er gibt den Menschen hinter den Angels-Abzeichen ein Gesicht. Doch kann es überhaupt „gute Höllen-Engel“ geben im undurchsichtigen Dschungel aus Profitgier, Medienmacht, Polizeiwillkür und der Skepsis aufgebrachter Bürger?

Regie und Buch Marcel Wehn
Kamera Eva Katharina Bühler
2. Kamera Markus Nestroy, Stefan Kochert, Daniel Möller
Ton Oliver Stahn, Hannes Marget u.a.
Montage Catrin Vogt
Musik Christoph Rinnert
Sounddesign und Mischung Dominik Avenwedde / BASISberlin
Titeldesign und Grafik Ilona Fritzsche Mieke Ulfig
Schnittassistenz Roman Stienke, Bastian Stüdemann
Farbkorrektur Stefan Engelkamp / Concept AV
Postproduktionskoordination Sara Kriebel
Produktionsassistenz Julia Hausch, Francesca Schulz,
Alexander Sußmann, Pola Weiß
Produktionsleitung Benjamin Cölle
Producer Sonia Otto
Redaktion Gudrun Hanke - El Ghomri, SWR Catherine Le Goff, ARTE
Produzenten Arek Gielnik, Dietmar Ratsch
Mitwirkende Lutz Schelhorn, Danny Schelhorn, Susanna Schelhorn, Kuno Kruse, Willi Pietsch, Michael Karthal






LUTZ SCHELLHORN



»Für die Öffentlichkeit sind Rocker Kriminelle. Punkt!
Das Bild ist in den Köpfen drin. Vielleicht kann ich da ein
bisschen dazu beitragen, das aufzulösen.«




Lutz Schelhorn ist Fotograf und Präsident der Hells Angels Stuttgart. Als einst jüngster Hells Angel
weltweit war er 1981 Mitbegründer des zweiten deutschen Hells Angels Charters Stuttgart.
Sein Geld verdient der 53-Jährige Rocker heute als autodidaktischer Fotograf. Seine Themen
sind oft Menschen, die zu einer gesellschaftlichen Randgruppe gehören, so wie auch er selbst.



KUNO KRUSE



»Wenn ich Leute wie die Hells Angels beschreibe,
dann kann ich nicht vorher nur sagen das sind alles Kriminelle
und sie dann gar nicht mehr angucken.
Man muss die einzelnen Personen sehen in ihren Bewegründen.
Klar auch in ihren Taten.«




Kuno Kruse ist Gründungsmitglied der Zeitung TAZ und arbeitet inzwischen als Journalist beim Magazin „Stern“.
Sein im Jahr 2008 erschienener Artikel „Die letzten Krieger“ über die deutschen Hells Angels war
heftig umstritten, weil Kruse darin die Menschen hinter den Angels-Kutten beobachtend beschrieb,
ohne sie als kriminelle Organisation pauschal zu verurteilen. Man warf Kruse damals vor, er hätte
sich von den Angels manipulieren lassen.



Willi Pietsch



»Freiheit, Abenteuer, der Marlboro-Man, das sind alles Wünsche.
Dieser Rocker auf der Route 66 mit seiner Harley ist ein
wahnsinnig schönes Bild. Aber es entspricht der Wirklichkeit nur
sehr unzureichend, das ist es nicht.«




Willi Pietsch ist Kriminalkommissar und Leiter des Dezernates für Jugendkriminalität beim
Polizeipräsidium Stuttgart. In seinen Tätigkeitsbereich fällt auch die Arbeit mit Subkulturen,
zu denen die Mitglieder des Hells Angels Charters in Stuttgart gezählt werden





















Fragen an Lutz Schelhorn




Warum sind Sie ein Hells Angel geworden?

Die Gründe dafür kann ich schon in meiner Kindheit finden. Motorräder haben mich schon
als Grundschüler mehr interessiert, als Klavierunterricht und gute Schulnoten.
Als Jugendlicher wollte ich aus einer gut behüteten Welt ausbrechen. Ich wollte
unbedingt Freiheit! So, wie ich sie mir vorstellte. Als 15-jähriger hatte ich
„meine Rebellen“ dann in einem Stuttgarter Kino gefunden. Dort lief ein
Hollywood Streifen mit den Kalifornischen Hells Angels als Hauptdarstellern. Da wollte
ich hin. Und wo ein Ziel ist, ist auch ein Weg.

Was ist der größte Unterschied zwischen den Hells Angels
und anderen Motorradclubs?

Es gibt gar nicht so viele Unterschiede. Die Begeisterung für Motorräder verbindet alle.
Man kann einen Club natürlich als Freizeitbeschäftigung sehen, aber auch, als Lebenseinstellung.
Als Freundschaft, oder Bruderschaft.

Wie haben Sie zur Fotografie gefunden?

Ich bin gelernter Zweiradmechaniker - Meister. Die meiste Zeit meiner beruflichen
Laufbahn habe ich an Motorrädern geschraubt. Doch Ende des letzten Jahrhunderts hatte sich
die Kundschaft sehr geändert. Ich hatte es satt, Mitvierziger und Wiedereinsteiger große Motoren
in ihren neuen Harleys einzubauen, mit denen sie dann nicht klar kamen. Die Szene hatte sich
verändert, der Spaß war weg. Also machte ich mein Hobby, die Fotografie – völlig naiv – zum Beruf.
Ein „gutes Auge“ hatte ich ja, den Rest habe ich mir selber beigebracht. Ich lebe die Fotografie.
Heute bilde ich auch aus.

Warum haben Sie dem Dokumentarfilmprojekt von Marcel Wehn zugestimmt?

Das war eine spannende Idee. Und ich hatte recht schnell Vertrauen zu Marcel. Auch wenn das
Projekt alles andere als einfach war. Es war eine Chance, einmal Dinge aus meiner
Sicht dar - und klarzustellen. Die Aussicht, Menschen einfach zum Nachdenken anzuregen, und
die Hoffnung auf eine differenzierte Sicht auf dieses zementierte Bild über die Rocker haben
meine Entscheidung vereinfacht.

Wo sehen Sie die Rockerszene in Deutschland in fünf Jahren?

Ich denke: da wo sie auch hingehört. Als eine Subkultur, die aus ihren Fehlern gelernt
hat und sich wieder an alten Traditionen orientiert. Dazu muss aber auch die
zweifelhafte Rolle mancher Behörden und Medien kritisch hinterfragt werden..




Fragen an Regisseur Marcel Wehen




Welches Bild hatten Sie von den Hells Angels, bevor Sie begonnen haben,
sich im Rahmen Ihres Dokumentarfilms näher damit zu beschäftigen?

Mein Bild der Hells Angels war weitgehend geprägt durch die gängigen Bilder aus den Medien.
Mein Ziel war es jedoch von Anfang an, mich von diesen Bildern zu lösen um die Einzelperson
Lutz Schelhorn ausgiebig kennen und vor allem verstehen zu lernen. Pauschalisierungen von Gruppen
halte ich für eine gefährliche Vereinfachung und daher sollte die differenzierte Betrachtung
meines Hauptprotagonisten und seiner Lebensgeschichte Grundlage des Films werden.

Was hat Sie an der Figur von Lutz Schelhorn fasziniert?

Lutz Schelhorn ist deshalb so interessant, weil er in vielerlei Hinsicht den gängigen
Bildern der Hells Angels widerspricht. Schelhorn arbeitet als Fotograf und beschäftigt sich
auf eine sehr sensible Art mit anderen „gesellschaftlichen Randgruppen“: Er fotografiert Behinderte
und Junkies oder dokumentiert die Obdachlosenszene seiner Stadt. Man stellt sich einen Hells Angel
als eine in der Tendenz aggressive und eher unkommunikative Person vor. Schelhorn dagegen sucht
den Dialog mit anderen und ist ein gemütlicher, harmoniebedürftiger Typ. Familie und Zuhause sind
für ihn elementar wichtig. Er organisiert Führungen für Stuttgarter Jugendliche zum Thema
Judendeportationen und ist in einer Bürgerstiftung sozial engagiert. Diese Bilder haben meiner
Vorstellung eines Hells Angel so stark widersprochen, dass er mich als Persönlichkeit interessiert hat.

Gab es Regeln an die Sie sich während der Dreharbeiten bei
und mit den Hells Angels halten mussten?

Es mag schwer zu glauben sein, aber die Angels haben uns keinerlei Regeln für die Dreharbeiten
auferlegt. Unsere Arbeitsweise funktionierte auf Basis einer sorgfältigen Kommunikation. Vor den
Dreharbeiten haben wir uns mit Lutz Schelhorn ausführlich darüber verständigt, was wir inhaltlich zeigen
und begleiten wollten, und was uns an diesen Aufnahmen wichtig war. Schelhorn hat dann vielleicht seine
Bedenken geäußert, aber am Ende galt das Prinzip: Ein Ja ist ein Ja.

Wie hat sich Ihr Bild von den Hells Angels im Vergleich zu vorher verändert?

Nach fünf Jahren gemeinsamer Zeit verändert sich das Bild, das man von anderen Menschen hat zwangsläufig.
Die einzelnen Mitglieder der Hells Angels haben für mich ein Gesicht, eine Geschichte und damit
eine Identität bekommen. Ich weiß jetzt, warum sich Männer diesem Motorradclub anschließen und ich meine
zu verstehen, was sie dort suchen. Ich habe einen Einblick erhalten, wie bei den Hells Angels
die Begriffe Ehre und Bruderschaft definiert werden und man hat zumindest versucht mir zu erklären, welches
Selbstverständnis von Gewalt es bei den Angels gibt. Entscheidend für mich war allerdings die Erkenntnis,
dass die einzelnen Clubs einen ganz eigenen Charakter haben, sehr autark sind und auch ihre Mitglieder
extrem unterschiedlich „ticken“. Die Hells Angels Stuttgart sind ganz anders drauf als zum Beispiel die
Reutlinger oder die Mitglieder aus Berlin. Teilweise unterscheidet sich sogar das Selbstverständnis dessen,
was ein Hells Angel eigentlich ist. Meiner Meinung nach ist dies ein Hauptgrund, warum es inzwischen
so viele Probleme im Club gibt. Die Vorstellung einer einheitlichen Moral oder Ethik, die diese Männer früher
einmal miteinander verbunden hat, ist in den letzten zehn Jahren mit der massiven Expansion
des Clubs weitgehend verloren gegangen.